Ein Herzkatheter ist kein Routine-Check, sondern eine gezielte Untersuchung, wenn der Verdacht auf gefährliche Engstellen der Herzkranzgefäße besteht. Er zeigt die Gefäße sehr genau – ist aber ein Eingriff, kein erster Schritt. In vielen Fällen lässt sich die entscheidende Frage zuerst ohne Katheter klären.
Eher ja, wenn:
- Brustschmerz bei Belastung, Luftnot oder Engegefühl neu auftreten
- Beschwerden trotz Medikamenten bleiben
- Belastungs-EKG, Stress-Echo, CT oder Szintigrafie deutlich auffällig sind
- ein Herzinfarkt oder instabile Angina vermutet wird
- Troponin erhöht ist oder neue EKG-Veränderungen bestehen
Eher nein, wenn:
- die Beschwerden untypisch sind
- EKG, Echo und Blutwerte unauffällig sind
- das Risiko niedrig ist
- eine CT-Koronarangiografie oder ein Belastungstest zuerst mehr Sinn macht
- man „nur mal schauen" will
Wichtig: Der Katheter zeigt die Gefäße sehr genau – aber er ist invasiv. Es gibt ein Blutungsrisiko, eine Kontrastmittelbelastung und selten ernsthafte Komplikationen.
Mein Merksatz: Nicht jeder Brustschmerz braucht sofort einen Katheter. Aber ein echter Warnschmerz gehört sofort abgeklärt.
Ein wichtiger Hinweis zu „untypischen" Beschwerden
Gerade bei Frauen, Menschen mit Diabetes und älteren Patienten können die Beschwerden untypisch sein – und trotzdem ernst. Wer unsicher ist, sollte sich nicht selbst beruhigen, sondern die Symptome ärztlich einordnen lassen. Die Entscheidung für oder gegen einen Katheter trifft man immer individuell, nie nach Schema.
Was ich in meiner Praxis zuerst mache
Bevor ich zu einem invasiven Schritt rate, kläre ich die Frage – wenn medizinisch vertretbar – mit nicht-invasiven Verfahren wie der Stress-Echokardiographie mit Kontrastmittel oder einer CT-Koronarangiografie. So lässt sich oft beantworten, ob überhaupt ein Katheter nötig ist – und vielen Patienten bleibt der Eingriff erspart.
Im Notfall: nicht googeln, sondern handeln
Bei Druck oder Schmerz auf der Brust, Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken, Kaltschweißigkeit, Atemnot oder Übelkeit gilt: Sofort den Notruf 112 wählen. Das kann ein Herzinfarkt sein – hier zählt jede Minute, und kein Verfahren ist wichtiger als schnelle Hilfe.
Autor: Dr. Kelling, Facharzt für Kardiologie, Baden-Baden